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Lehrerfortbildung und Medienkompetenz – die bedürftigen Schwestern der Schulreform


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23. Mai 2017

Wer seine Schulen heute auf die vorderen Ränge in nationalen oder internationalen Rankings bringen möchte, sollte sich auf zwei Felder konzentrieren: Die Fortbildung der Lehrkräfte und die Förderung der Medienkompetenz. Am Beispiel Baden-Württembergs zeigen sich die Herausforderungen bei der Umsetzung.

Fortbildung und Medienbildung gehören zu den größten Herausforderungen für die deutschen Schulen. So war es zuletzt wieder auf dem Fachdialog zur Zukunft und Qualität der Lehrerfortbildung in Stuttgart zu hören, den die Fraktion der GRÜNEN gemeinsam mit dem Regierungspartner CDU Anfang Mai veranstaltete. Den Rat der Experten fasst die bildungspolitische Sprecherin der GRÜNEN, Sandra Boser, so zusammen: Es bedarf einer Strukturierung der vielen unterschiedlichen Fortbildungsangebote und dabei auch Prüfung von Angebot und Nachfrage, Aus- und Fortbildung müssen besser miteinander verknüpft werden, Kollegien müssen als Gesamtheit fortgebildet werden, Lehrkräfte brauchen mehr Freiraum für Fortbildungen. Für die dringend erforderliche Steigerung der Medienkompetenz seien Vorleistungen erforderlich, konkret eine Bildungsplattform, damit Medieneinsatz möglich ist und den erwünschten pädagogischen Mehrwert bringt. Die Gründung einer neuen Institution wie in Schleswig-Holstein sei nicht erforderlich, sagt Sandra Boser, aber man müsse die vorhandenen Institutionen besser koordinieren: „Dafür besteht eine große Offenheit bei den Institutionen“. Ziel müssten mehr Effizienz und Vereinfachung sein. Für konkrete Vorschläge sei es aber noch zu früh.

Baden-Württemberg: Die Aufholjagd hat begonnen

Die Landesregierung Baden-Württembergs hat sich den beiden Kernherausforde­rungen gestellt. Es hat im vergangenen Jahr eine Digitalisierungsoffensive ausgerufen und jedes Fachministerium verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten. Das Kultusministerium hat einiges in Gang gesetzt. Es gibt erste Vorgaben für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht und eine Ausschreibung, um eine landesweite Bildungscloud aufzusetzen. In Sachen Fortbildung wurden von Ende April bis Anfang Mai 117.000 Lehrkräfte befragt, und dabei war der größte Fragenkomplex dem Thema Digitalisierung gewidmet.

Ist Baden-Württemberg damit ein Vorreiter der Schulreform? Zunächst einmal hat das Bundesland guten Grund, sich zu engagieren, denn laut IQB-Bildungstrend hat es im Ländervergleich nur mäßige Noten. In den vergangenen 6 Jahren ist es geradezu durchgereicht worden von einem Spitzenplatz auf beispielsweise Platz 10 beim Lesen und Platz 14 beim Zuhören. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, selbst viele Jahre Lehrer, wiegelt zunächst im ZEIT-Interview Ende April ab und sagt, dass dies mit den Reformen seiner Regierung nur insofern etwas zu tun habe, als „der Reformeifer die Lehrer zu sehr beschäftigt“. Dann aber diagnostiziert er das Problem selbstkritisch: „Die Tiefenstruktur des Unterrichts wurde zu wenig beachtet. Es mangelt an gezielten Fortbildungen.“

Fortbildung: Viele Angebote, wenig Nachfrage

Tatsächlich gibt es zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte, wie das Ministerium mitteilt. Zu den Schwerpunktthemen Medientechnik, Medienpädagogik und -didaktik, Medienerziehung und Medienrecht werden bedarfsorientierte Fortbildungen zentral an der Landesakademie für Fortbildung und Personalentwick­lung an Schulen entwickelt und die Regierungspräsidien bieten sie flächen­deckend regional an. Im Schuljahr 2015/16 nahmen mehr als 10.000 Lehrkräfte Fortbildungsangebote zum Thema Digitalisierung wahr. Weiterhin existieren zahlreiche spezielle Fortbildungen zum Einsatz digitaler Medien in verschiedenen Fächern, Angebote über den Einsatz von Tablets, zur individuellen Förderung und zum Umsetzung von Inklusion sowie Angebote zum E-Learning. Und in jedem Lehrerkollegium gibt es mindestens einen qualifizierten Multimediaberater. Sie werden in Arbeitskreisen von den Regierungspräsidien betreut, damit sie die schulinterne Entwicklung im Bereich Medienentwicklung unterstützen können.

An Angeboten fehlt es also nicht. Leider nehmen aber die Lehrkräfte daran im Bundesvergleich nur wenig teil. Gezielt im Sinne Kretschmanns sind sie aber nicht, denn einen Überblick oder gar eine Qualitätsprüfung gibt es nicht. So teilt das Ministerium mit, dass es neben den oben genannten etliche weitere Angebote gibt, auch schulinterne, die aber „nicht statistisch erfasst werden“. So besteht zwar großer Bedarf an Fortbildungen, insbesondere zu Fachwissenschaften und Fachdidaktik, doch die Angebote werden wenig genutzt.

Manfred Bieser, Leiter des Medienzentrums Esslingen, berichtet beispielsweise, dass die Zahl der Lehrkräfte, die sich zu Fortbildungen anmelden, in den vergangenen Jahren kontinuierlich sinken. Viele nennen als Begründung die hohe Belastung und beklagen eine negative Wahrnehmung: Lehrerfortbildung würden mit Unterrichtsausfall gleichgesetzt. Online-Fortbildungen werden nicht angerechnet. Das Thema Digitalisierung und deren Potentiale für den Unterricht werden von vielen nicht erkannt und häufig als Freizeitthema für besonders Engagierte abgetan. Bieser plädiert für eine Verpflichtung zur Fortbildung, denn „den Mehrwert einer Fortbildung spürt man erst, wenn man sie gemacht hat“. Gute Erfahrungen habe man in Esslingen besonders mit Projekten gemacht, an denen ganze Schulen teilnehmen. Hier gehe die Initiative vom Schulleiter aus und die Teilnehmer „nehmen richtig was mit“. Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Sandra Boser, verweist zur Bestätigung auf wissenschaftliche Begleitstudien, die zeigen, dass dort, wo Lehrerkollegien gut miteinander kooperieren und eine gemeinsame Vorstellung ihrer Ziele entwickeln auch die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler besser sind.

Prof. Anne Sliwka, Bildungsforscherin von der Universität Heidelberg, nennt gleich zwei Gründe für das mangelnde Interesse an Fortbildungen. Zum einen sei Deutschland das einzige Land, das an Deputatstunden festhält, während das beispielsweise in Dänemark abgeschafft wurde und stattdessen eine jährliche Stundenarbeitszeit festgelegt wird, die Fortbildungs­stunden enthält. „Lehrkräfte aus PISA-Siegerländern machen 100 Stunden Fortbildung im Jahr,” sagt Sliwka. Der zweite Grund sei der Mangel an Anreizen für Lehrkräften, sich zu professionalisieren. Die Bildungsforscherin fordert: „Schule muss auch in Blick auf die Karriere der Lehrkräfte ausgerichtet werden.“ Insgesamt stellt sie ernüchternd fest: „In Deutschland ist die dritte Phase der Lehrerbildung generell die am meisten vernachlässigte Ausbildungsphase.“

Medienkompetenz: Fortbildung spielt eine Schlüsselrolle

Dass es ohne Medienkompetenz an den Schulen, und zwar bei Schülern und Lehrkräften, bei Schulleitungen und in der Schulverwaltung, nicht mehr geht, wird inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Das Kultusministerium nimmt daher nach eigener Aussage im Rahmen der Digitalisierungsstrategie drei Aspekte in den Fokus: die didaktisch-methodische Verankerung, die Qualifizierung der Lehrkräfte und die Schaffung der notwendigen technischen Voraussetzungen. Unter der Prämisse „Technik folgt Pädagogik“ wurden bislang eine Leitperspektive Medienbil­dung, ein Basiskurs Klassenstufe 5 (30 Stunden) und ein Aufbaukurs Informatik in Klasse 7 aufgesetzt. Um die Lehrkräfte und Schulen bei der Entwicklung und Umsetzung medienpädagogischer Konzepte zu unterstützen, wurden an rund 50 Schulen Tablet-Projekte mit mehreren tausend teilnehmenden Schülerinnen und Schülern angeboten; 2018 sollen weitere 50 Schulen unterstützt werden. Die Ergebnisse aus der Begleitforschung sollen in die weiteren Pläne einfließen. Wie die aussehen, ist also noch offen. Klar sei aber, dass den Lehrkräften eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung im Unterricht zukomme. Daher spiele deren Aus- und Fortbildung eine zentrale Rolle.

Tatsächlich beginnt das Problem mit der Digitalisierung des Unterrichts ja schon vor dem Schuldienst. „Noch immer können Studierende ohne jeden Kontakt zu diesem Thema durch das Lehramtsstudium kommen,“ beklagt Bildungsforscherin Prof. Kerstin Mayrberger und spricht von einem Teufelskreis aus schlechter Erfahrung und allgemeiner Skepsis bei Schulen und Lehrkräften. Der müsse im Studium durchbrochen werden, damit die Lehrkräfte es schaffen, dass Schülerinnen und Schüler zu einem „souveränen Umgang mit digitalen Medien kommen“. Einige Länder wie Baden-Württemberg würden sich dem Thema stärker widmen, aber eine institutionelle Verankerung oder verbindliche Vorgaben fehlten nach wie vor. Bevor also verlässlich medienkompetente Lehrkräfte aus der ersten Lehrerbildungsphase, also den Hochschulen, kommen, wird noch einige Zeit vergehen. Fortbildung spielt in dieser Übergangsphase also eine umso wichtigere Rolle.

Ihre Kollegin Prof. Anne Sliwka weist dabei auf folgende ermutigenden Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen hin: Die dritte Phase der Lehrerbildung, also die Fortbildung, sei besonders wirkungsvoll bei der Qualifikation der Lehrkräfte: „Wenn in dieser Ausbildungsphase digitale Medien zum Einsatz kommen, wirkt sich das am zuverlässigsten auf die Unterrichtsqualität aus“.

Das bestätigen auch die praktischen Erfahrungen aus Bremen. Am Landesinstitut für Schule (LIS) beobachtet der Leiter der Abteilung Schulentwicklung – Fortbildung, Christian Buchberger, „dass Berufseinsteiger, die mit Erfahrungen und Wissen über den Einsatz digitaler Medien aus der zweiten Phase der Lehrerbildung in den Schuldienst kommen, besser auf den Unterricht und den Einsatz digitaler Medien vorbereitet sind“.

Bildungsplattform: Konsequenz beim Übergang der Lehrerbildungsphasen

Eine wichtige Rolle für spielt dabei die landes­weit einheitliche Bildungsplattform, die in Bremen bereits im Jahr 2014 einge­richtet wurde. Zum Einstieg, sagt Buchberger, wurde sie mehr für organisatorische Aufgaben genutzt wie die Kommunikation der Fortbildungsteilnehmer untereinander oder die Verfügbarkeit von Materialien: „Aber natürlich kann eine Bildungscloud viel mehr. Der nächste Schritt wird jetzt die Entwicklung von Blended Learning-Didaktik oder Aufgabenkonstruktion und der Fokus auf die Entwicklung und Betreuung von Medienkompetenz sein“. Zurzeit erarbeitet daher eine interne Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit dem Medienzentrum des LIS Konzepte und Verfahren, wann sich der Einsatz der Bildungsplattform in der Fortbildung besonders eignet – oder auch nicht: „Für Supervisionen brauchen wir eher keine Plattform, für die längerfristige Qualifizierung von Schulleitern auf jeden Fall“, sagt Buchberger. Auf jeden Fall dürfe das Didaktische nie aus dem Blick geraten, denn „Plattformen sind nur Mittel zum Zweck“.

Auch das Kultusministerium in Baden-Württemberg plant wie gesagt den Aufbau einer landesweiten digitalen Bildungsplattform. Damit soll zunächst „eine verlässliche, schulübergreifende, datenschutzkonforme und dauerhaft verfügbare technische Grundinfrastruktur bereitgestellt werden“. Mittelfristig sollen über die Plattform „alle erforderlichen Funktionalitäten im schulischen Umfeld wie pädagogische Anwendungen, Fortbildungsangebote, digitale Bildungsinhalte oder auch Schulverwaltungsprogramme“ zur Verfügung stehen. Zurzeit wird in einem Ausschreibungsverfahren ein Partner, sprich Anbieter einer solchen Bildungs­plattform, ausgewählt. Die Bremer Fortbildungsexperten glauben, dass gerade ein Flächenland schon allein aus Ressourcengründen von einer Plattform profitieren würde, da viel Zeit und Mittelaufwand etwa bei An- und Abreise gespart werden könne. Von den Potenzialen für die Qualitätssteigerung durch Blended Learning, dem schülerorientierten Wechsel zwischen Präsenz- und Online-Phasen, ganz zu schweigen.

Ausblick: Erste Ergebnisse vor der Sommerpause

Im Bereich Fortbildung und Medienkompetenz ist also noch einiges zu tun im Lande Baden-Württemberg. Über die genauen Ziele und Konzepte, etwa ob man Fortbildung zur Pflicht machen oder wie umfassend man den Einsatz digitaler Medien verankern möchte, berät sich das Kultusministerium noch mit Experten. Die ersten Ergebnisse dieser Beratungen, so teilt das Ministerium auf Anfrage mit, „werden noch vor der Sommerpause vorgestellt“. Hoffentlich wird dann auch zügig umgesetzt.

 


 

 

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6 comments on “Lehrerfortbildung und Medienkompetenz – die bedürftigen Schwestern der Schulreform”

    1. Hallo Peter, du sprichst mir aus der Seele. Eine bessere Übschrift zur Problematik gibt es nicht. Ich sehe das genau so; kann die beschriebenen Probleme alle zu 100% aus den Erfahrungen des Medienzentrums-Limburg-Weilburg bestätigen. Wie der Zufall so will habe ich folgendes Thema: „Digitalisierung in der Schule:
      Erwartungen von Lehrkräften an Unterstützungsangebote“ als Thema mener Masterarbeit gewählt.

      Ich tituliere die von dir beschriebene Problematik mal mit dem dem Teufelskreis der Medienkompetenz-Fortbildungen:

      Fortbildungen zu digitalen Inhalten befinden sich in einer Art Teufelskreis. Medienbildungskompetenz ist für LehrerInnen nicht verpflichtend und wird in keiner der Ausbildungs- du Weiterbildungsphasen des Lehrerberufs systematisch eingefordert. Deshalb bleibt Medienbildung in der Schule leider lehrkraftabhängig. Sind LehrerInnen jedoch nicht medienkompetent, kommt es meist zur Überforderung und Überlastung bei Weiterbildung zum Thema; und bei zu hohen Anforderungen reagieren Lernende eben auch mit Verweigerung oder Ablehnung. Dies ist dann ein entscheidender Grund, dass Fortbildungsangebote zur Digitalisierung der Schule gemieden werden. Leider können diese LehrerInnen wiederum, die selbst über keine Medienkompetenz verfügen, auch im eigenen Bildungsprozess vom Bildungspotenzial der Medien nicht partizipieren.

      Obwohl individuelles, lebenslanges und selbstgesteuertes Lernen heute essenziell ist, um im beruflichen Kontext „up to date“ zu bleiben, können LehrerInnen diese in den Lehrplänen fächerübergreifenden geforderten Ziele im eigenen Prozess der Bildung nicht erreichen.

      Wenn viele Lehrerinnen wiederum keine Lernkompetenz* haben, wie sollen Sie diese Ihren SchülerInnen vermitteln?

      Deshalb sollten wir uns die Frage stellen: Wie bekommen wir die KollegInnen aus dem oben beschriebenen Teufelskreis und in unsere Fortbildungen?

      * Lernkompetenz ist die Fähigkeit, eine Lernleistung zu erbringen und ist abhängig von der Lernbereitschaft und der Lernmotivation. Diese wiederum teilt sich in 3 „Unterkategorien” auf: Selbststeuerungskompetenz, Kooperationskompetenz und Medienkompetenz.

      Gruß Rainer Wiederstein
      Medienzentrum Limburg-Weilbuurg

      1. Lieber Rainer, vielen Dank für deinen fundierten Beitrag, auf den och sicher in der Moderation des #itstalk5 zurückgreifen werde…

  1. Medienmedienmedien. Ich kann das Bla nicht mehr ertragen. Es geht um Technik, technisches Grundwissen und die sinnvolle und effiziente Nutzung vorhandener Ressourcen.

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